Sonntag, 1. Dezember 2019

Nikolaus und der Fachkräftemangel- eine kulinarischen Weihnachtsgeschichte!



Es war einer dieser Winter gewesen, wie er nicht schöner hätte sein können. Angefangen bei den weißen Berggipfeln, die in der Sonne glänzten, über die schneebepuderten Wälder bis hin zu den kleinen Dörfern in den Alpentälern, war die ganze Landschaft wie verzaubert in einen weiß-glitzernden Mantel gehüllt.

Beseelt und glücklich ließen sich Mensch und Tier von der Schönheit der Natur in ihren Bann ziehen und es war ein gewisser Friede zu spüren, der alles erfasste.

Ein idealer Ort, um die Seele baumeln zu lassen, das Jahr zu verabschieden oder einfach nur die Schönheit der Bayerischen Alpen zu genießen.

Es war kurz vor Weihnachten und der Nikolaus hatte seine Arbeit bereits getan; wie jedes Jahr hatte er die Kinder in aller Welt besucht, die Braven belohnt, die Lausbuben verwarnt und die ein oder andere Süßigkeit verteilt.

Es waren wieder sehr arbeitsreiche Tage gewesen und der Nikolaus hatte sich seinen Urlaub einmal mehr redlich verdient.

Wie jedes Jahr verbrachte er diesen in einer kleinen Hütte in den Bergen, unweit eines kleinen Bergdorfes, in dem er von Zeit zu Zeit seine Vorräte auffrischte.

Mantel und Stab hatte er für dieses Jahr abgelegt und gegen eine winterfeste Hose mit Hosenträgern, einen Wollpullover und gepolterte Bergschuhe getauscht. Eine dicke Daunenjacke und eine Mütze machten sein Freizeit Outfit komplett.

Und so genoss er seinen Urlaub in vollen Zügen. Morgens, nachdem er ein paar Scheite in den Ofen geworfen hatte, brühte er sich ein Haferl Kaffee und versorgte anschließend die Tiere des Waldes mit ein bisserl Heu, Körnern und Früchten.

Hie und da hackte er Holz und am Nachmittag ließ er sich meist auf der kleinen Bank vor seiner Hütte nieder und ließ sich die Wintersonne auf seine Nase scheinen.

Doch ein besonderer Tag war für ihn immer der Besuch im Dorf, genauer gesagt, der Besuch in seiner Lieblingsbar, dem Holzstüberl.

Im Holzstüberl, ja, da konnte er so richtig die Seele baumeln lassen, eine urbayrische Einrichtung. Einer kleine, aber feine Getränkekarte und der Wahnsinns- Gewürzglühwein waren hier Programm, der nicht nur für den Nikolaus zu Weihnachten dazugehörte und bis weit über die Dorfgrenzen hinaus bekannt war.

Ein echter Geheimtipp eben.

Doch was dem Nikolaus hier am Besten gefiel, war die Freundlichkeit des Holzstüberl-Teams.

Sie waren das Herz und die Seele dieser kleinen Dorfbar und verliehen ihr diesen Zauber, den nur wirkliche Herzlichkeit hervorrufen kann und der die Gäste wirklich begeisterte.

Das Holzstüberl öffnete immer um 16.00 Uhr und der Nikolaus war immer einer der Ersten, um sich sein Platzerl direkt an der Bar und natürlich den ersten Glühwein zu sichern.

Doch irgendwas war heute anders, denn als er das Stüberl betrat, war niemand zu sehen. Kein herzliches Hallo, das ihm beim Eintreten entgegengerufen wurde und vor allem keiner, der zwinkernd fragte, ob er seinen Glühwein mit Schuß haben wollte oder nicht.

Er war verwundert, denn in all den Jahren war es das erste Mal, dass es hier so still war. Und so machte er sich auf herauszufinden, was los ist und ging langsam in Richtung Bar, wo er in einiger Entfernung im Backoffice ein leises Weinen hörte, dem er sofort folgte.

Hier angekommen sah er die sonst so fröhliche Steffi auf den Stufen zum Keller sitzen und so bitterlich weinen, dass es dem Nikolaus selbst fast die Tränen in die Augen trieb.

Und so fragte er sanft mit seiner beruhigenden Stimme, um sie nicht aufzuschrecken „Warum weinst Du denn Steffi? Kann ich Dir helfen? Bist Du gefallen?“

Steffi drehte sich sofort um, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und antwortete „Oh, Entschuldigung, ich hab Sie nicht reinkommen hören, tut mir leid. Darf es ein Glühwein sein, wie immer?“

Der Nikolaus merkte sofort, wie sie professionell versuchte, die Situation zu überspielen, aber er kannte diese nur zu gut, sozusagen eine seiner beruflichen Hauptfähigkeiten.

Er entgegnete ihr, mit gütiger, doch magischen Stimme, die eben nur der Nikolaus hat und die nur die Wahrheit zulässt:
„Stephanie, was ist los und warum weinst Du? Glaub mir, Du kannst es mir erzählen.“

Stephanie zögerte zuerst, doch da war etwas am „alten Nick“ (Nick war sein Name, wenn er inkognito unterwegs war), wie sie ihn hier nannten, etwas Besonderes, etwas Reines. Es war einfach unmöglich in dieses Gesicht zu blicken und zu flunkern, eigentlich seltsam.

„Es ist“ stammelte sie los, während sie sich mit einer Serviette die letzten Tränen vom Gesicht wischte „Es ist alles so anders geworden seit Du letztes Jahr hier warst, Nick. Es hat sich hier viel geändert. Die Anderen sind alle weg, haben besser bezahlte Jobs angenommen oder sind in eine  Branche mit geregelteren Arbeitszeiten gewechselt, in der sie auch mal frei haben und so.

Ich bin als Einzige übrig geblieben und versuche, alles so gut es geht am Laufen zu halten. Mein Chef schickt mir ab und an Aushilfen, aber das ist einfach nicht das Gleiche und jetzt hab ich eben grad einen Anruf von ihm bekommen, dass heute gar keiner kommt, sie haben ihm alle abgesagt.

Ich bin allein und das in der Hochsaison! Was soll ich denn jetzt machen? Ich kann einfach nicht mehr!"

Bei diesen Worten brach die Kleine wieder in Tränen aus und warf sich wie selbstverständlich an Nicks Brust, der sie sanft hielt und ihr Beistand leistete.

Als der Nikolaus sie so in den Armen hielt und ihren Schmerz spürte, wusste er, was zu tun war. Er musste ihr helfen!

Er war weiß Gott nicht der beste Schankkellner der Welt, doch hatte er den ein oder anderen Trick auf Lager und wo Not am Mann war, da konnte er nicht tatenlos zusehen, es war ja schließlich Weihnachten.

„Steffi jetzt hör mir mal ganz genau zu, wir beide werden das heute hier rocken und glaub mir, es wird ein ganz besonderer Abend werden, versprochen!“

Steffi schaute ihn mit großen Augen an „Du würdest mir wirklich helfen? Und das an Weihnachten?“

Er nickte und sagte „Ich bin Kummer gewöhnt, hab' ne ähnliche Branche wie Du und bin echt belastbar, glaub mir. Was hältst Du davon, wenn ich die Bar mache und Du den Service?“

Steffi nickte und Nick sah, wie ihr wieder ein erstes Lächeln übers Gesicht huschte und so machten sich die beiden bereit für die ersten Gäste, die nicht lange auf sich warten ließen.

Die ersten Bestellungen gingen Nick gut von der Hand, doch mit der Zeit kam er ganz schön ins Schwitzen. Einschenken, Gläser spülen, Getränke auffüllen und immer mal wieder nach dem Glühwein sehen, dessen Duft sich schon im ganzen Stüberl verteilt hatte. Da blieb kaum Zeit zum Durchschnaufen und das ein oder andere Glas musste leider auch dran glauben. 

Nach dem ersten Ansturm sah er sich um und sah, wie wundervoll und mit wieviel Freude Steffi ihre Gäste bediente und ihnen buchstäblich jeden Wunsch von den Augen ablas. Ein wahrer Engel war sie, doch wie lange würde sie das noch aushalten? Irgendwann ist jeder Akku mal leer und leider brennt eine Kerze, die doppelt so hell strahlt, wie andere, meist nur halb so lange. Es war für ihn ein wahres Weihnachtswunder, wie all die Menschen in Gastronomie und Hotellerie ihr eigenes Wohl alltäglich unter das ihrer Gäste stellten und trotz immer härter werdenden Umständen und dem sich verschärfenden Fachkräftemangel immer noch die Gäste verzauberten.

Wie lange würde es das noch geben, wenn der letzte Koch und letzte Kellner endgültig ausgebrannt waren?

Als der Abend so voranschritt, begannen die Gäste langsam zu singen und die Stimmung war auf dem Höhepunkt angekommen. Die Gäste waren selig und Steffi in Höchstform.

Nachdem Steffi eine kleine Zigarettenpause gemacht hatte, war nun Nick dran, sich ein Glaserl Glühwein im Hinterhof zu genehmigen. Eine kleine Pause geht eben immer.

Als der Nikolaus so im Hinterhof stand und sich seinen Glühwein schmecken ließ, war er sichtlich zufrieden mit sich. Er hatte Steffi helfen können, das machte ihn froh.

Wie er da so zufrieden dar stand, mit seiner dampfenden Tasse, sah er ein Auto auf den Hof fahren, aus dem ein Mann ihm direkt und barsch zurief „Und was machst Du da? Die Tassen darf man nicht mit nach draußen nehmen.“

Der Nikolaus schaute sich den Mann genauer an und erkannte in ihm den Seppi, der, mit Verlaub, schon als Kind ein Depp gewesen war und ihm eigentlich nur Scherereien gemacht hatte. Mehr als einmal war er versucht gewesen, ihn von den Krampussen mitnehmen zu lassen.

Da sieht man mal wieder, dass manch einer über die Jahre wirklich nix dazulernt.

„Ich mache Pause und trinke ein Haferl Glühwein“ antwortete der Nikolaus schließlich.

„Du arbeitest ned für mich und wir ham hier Alkoholverbot!“

Der Nikolaus sammelte sich einen Moment, um nicht die Fassung zu verlieren, „Oiso Seppi“ begann er langsam und den aufsteigenden Zorn in Zaum haltend. „Sepp Stadler für sie, damit des klar ist, ich bin der Wirt hier“ fiel ihm sein Gegenüber ins Wort.

„Servus Seppi, is mir wurscht, ich bin der Nikolaus und wir unterhalten uns jetzt mal über deinen Scheiß hier" entgegnete er mit einer Stimme, die wie vom Himmel selbst zu kommen schien und keinen Widerspruch zuließ.

Wie erstarrt blickte der Wirt in das ehrfurchtgebietende Gesicht des heiligen Nikolaus.

Dieser sprach nun mit schwerer, keinen Widerspruch zulassenden Stimme weiter, während hinter ihm, gerufen durch seinen Zorn, die Buttenmandl in seinem Rücken auftauchten, die Winterdämonen im Dienste des Heiligen, die immer bereit waren, das Böse zu bestrafen, wo sie es auch aufspürten.

„ Ich habe heute der Steffi geholfen, die ich weinend in deinem Stüberl gefunden habe! Du hast ihr keine Hilfe geschickt und hast sie allein stehen lassen mit all der Arbeit. Hast du denn gar kein Hirn, Seppi? Wie soll die dass denn schaffen, so ganz allein und schau an, was Du aus Deinem Betrieb gemacht hast! Du warst nicht der Grund, dass es über all die Jahre so gut gelaufen ist! Das waren Deine Mitarbeiter, Du Depp und Du hast sie nach und nach gehen lassen, weil Du nicht an die Bedürfnisse Deiner Leute gedacht hast.
Schäm Dich, Seppi“

Die fast nebelhaften Gestalten der Buttenmandl wurden bei diesen Worten immer wilder und ihre Augen glühten feurig rot, bereit zum Sprung und ihre Ruten zu schwingen.

„Ich hatte doch keinen“ stammelte Sepp nun betroffen, doch Nikolaus ließ keinen Widerspruch zu:

„Dann kümmere Dich selbst darum oder hilf mit, Seppi! Ich hab genug von Deinen Ausreden!"

Bei diesen Worten trat er einen Schritt zurück und ließ die beiden dämonischen Gestalten ihr Werk verrichten. Wobei zu erwähnen ist, dass seit sehr langer Zeit kein Mensch mehr eine solche Abreibung bekommen hatte, wie Seppi an diesem Abend von den Buttnmandeln.

Und für alle, die sich nun fragen, ob Gewalt eine Lösung ist oder nicht, kann ich als Erzähler nur sagen: natürlich nicht, aber manchmal und wirklich nur manchmal, wie in diesem Fall, hilft sie dem ein oder anderen Trottel etwas, wieder auf den rechten Weg zu finden.

Nachdem Seppi nun so vor ihm im Schnee lag, hob Nikolaus die Hand und die beiden Winterdämonen zogen sich in die Schatten zurück, aus denen sie gekommen waren. Nun war es wieder still auf dem Platz, fast wie wenn die Zeit stehengeblieben wäre.

Seppi sah hoch in die Augen, die ihn nun nochmals von oben bis unten musterten und hörte die eindringlichen Worte, die der Nikolaus nun sprach.

„Ich werde Dir nun einige Verhaltensweisen vorgeben und Du wirst Dich daran halten Seppi, sonst werden meine dunklen Gesellen Dich gleich dahin mitnehmen, wohin Du sowieso irgendwann hin kommst, soweit klar?“

Seppi nickte wild zitternd,

„Gut“ fuhr Nick langsam fort. „Du wirst von nun an für Deine Mitarbeiter da sein, für ihre Sorgen, ihre Bedürfnisse. Du wirst Dich, so gut Du kannst, darum kümmern, dass immer genügend Mitarbeiter vorhanden sind und Du wirst sie gut behandeln. Freie Tage sollten selbstverständlich sein und weil Weihnachten ist, wirst Du ihnen sicher auch ein Weihnachtsgeld zahlen, oder?“

Seppi nickte nochmals demütig.

„Und wenn Du all das machst und auch selbst versuchst, Dich ein bisserl weniger, wie ein Volldepp aufzuführen, werde ich Dich vielleicht nicht von meinen Gehilfen in den Sack stecken lassen.“

Nick half Seppi auf, klopfte ihm den Schnee aus der Kleidung und schob ihn Richtung Auto.

„Und jetzt gehst Du nach Hause, denn morgen beginnt für Dich ein neues Leben“.

Wie vom Affen gebissen sprang Seppi sogleich in seinen Mercedes und verschwand so schnell er konnte im Rückwärtsgang vom Hof.

Nick, der nun wieder die Ruhe selbst war, schaute in seine leere Glühweintasse und ging wieder zurück an seinen Arbeitsplatz.

Der Abend war noch lang und es wurde jede Menge gelacht und gesungen, die Gäste waren glückselig und Steffi war einfach wunderbar.

Zu späterer Stunde dann kam Steffi zu Nick hinter die Bar, drückte ihn fest an sich und flüsterte „Ohne Dich hätte ich es heute nicht geschafft Nick und ich bin dir sehr dankbar“.

Sie reichte ihm ihr Trinkgeld und sagte „Das ist alles was ich habe, ich hoffe, das genügt für Deine Hilfe“.

Nick lächelte, „Behalt das Geld, ich hab gerne geholfen und es war mir eine besondere Freude, mit Dir zu arbeiten".

So begannen die beiden langsam, das Stüberl aufzuräumen und die Stühle hochzustellen. Dabei bemerkte Nick Steffis besorgten Gesichtsausdruck und fragte „Was liegt Dir denn auf dem Herzen Steffi?“

Diese sah ihn an und sagte „Du hast mir heute toll geholfen, aber morgen ist auch wieder ein Tag, ich hoffe nur, dass mir mein Chef morgen jemanden zum Helfen schickt!“

Nick lächelte sie an und antwortete „Oh, er schickt Dir morgen jemanden, ich hab ihn draussen kurz getroffen, aber er musste gleich wieder weg! Es wird sich, glaub ich, einiges tun bei Euch im Stüberl, glaub mir!“

„Wenn das nur wahr wär" sagte Steffi voller Hoffnung.

„Da bin ich mir ganz sicher“ Nick zwinkerte ihr zu, drückte sie nochmal an sich, verabschiedete sich bei ihr und ging hinaus in die Winternacht.

In den kommenden Jahren danach bis heute kommen die Gäste von nah und fern, um Steffi und ihr Team im Stüberl zu besuchen und ihre Gastfreundschaft ist legendär.

Und Gott weiß warum, aber der Seppi ist bis jetzt noch nicht in der Hölle angekommen.Vielleicht auch darum weil Nick all abendlich an der Bar sitzt, bei seinem Haferl Gewürzglühwein.

***

Servus Ihr Lieben, 

wie Ihr merkt ist die momentane Situation auch an meiner Weihnachtsgeschichte nicht spurlos vorbeigegangen, doch habe ich, speziell an Weihnachten, die Hoffnung, dass der ein oder andere vielleicht doch noch merkt auf was es in unserer Branche ankommt.

Leider kommt der Nikolaus selten zu den Gastronomen und Hoteliers, was vielleicht auch besser ist, denn viele Krampusse würden Ermüdungsbrüche des Arms erleiden, vom dauernden Schwingen der Ruten und das hat kein Krampus verdient:-), find ich.

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Michis ganz besondere Weihnachtsgeschichte 
      

Nikolaus der heilige Küchenhelfer


Das Team des Schlemmerblogs München rund um Schlemmeronkel Herbert Hörnlein, Kuchenfee Nicole Savels und mir wünscht Euch ein wundervolles, gesundes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Gott beschütze Euch,

Mit kulinarischen Grüßen,
Alexander Reiter
www.alexanderreiter.de
www.schlemmerblog-muenchen.de

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